Warum immer dieselben Fehler machen, wenn wir verschiedene machen können? – Pavel Kosorin

Sind Sie fehlerfrei? Wahrscheinlich (oder besser: hoffentlich) nicht. Auch ich nicht. Ihr Feedback zu meinen Büchern der Betriebsfestigkeit hat mich zu zwei Dingen inspiriert. Der Erstellung einer Fehlerliste und ein paar Gedanken zu Fehlern im Beruf.

Warum Fehler wichtig sind

Wir werden stark durch unsere Erziehung und unser Umfeld geprägt. Dazu gehört oftmals auch, dass Fehler etwas Schlechtes sind, also unbedingt vermieden werden müssen. Nur wer keine Fehler macht, ist perfekt.

Schauen wir einmal genauer hin. Was würde es bedeuten, keinen Fehler zu machen? Denken wir an unsere Kindheit zurück. Ohne Fehler machen zu dürfen, hätten wir niemals laufen gelernt, aus Angst zu fallen! Wir hätten niemals den ersten Schritt gewagt. Wichtig ist nur, dass die Risiken der (möglichen) Fehler begrenzt werden und aus den Fehlern gelernt wird. Deshalb wird man einem Kind, das die ersten Schritte geht dies in einem sicheren Umfeld ermöglichen. Das sichere Umfeld garantiert, dass ein Sturz keine schwerwiegenden folgen hat. Zusätzlich wird man das Kind nach dem Hinfallen ermuntern wieder aufzustehen, damit es die Möglichkeit hat aus dem "Fehler" zu lernen.

Man kann somit zwei Dinge festhalten: 

  • dass Fehler immer Risiken bergen. Und Risiken bestehen im Wesentlichen aus zwei Komponenten. Der Wahrscheinlichkeit, dass das Risiko eintritt und der Auswirkung des Risikos (siehe dazu auch die Berechnung der Risikoprioritätszahl bei der FMEA). Und zweifellos müssen wir auch im technischen Bereich Fehler minimieren um die Risiken möglichst klein zu halten.
  • Dass der Umgang mit Fehlern wichtig ist. Die Suche nach Schuldigen ist zwar beliebt, jedoch kontraproduktiv. Vielmehr ist es wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Fehler offen eingestanden werden und in der aus Fehlern gelernt werden kann.

Umgang mit Risiken

Im technischen Bereich wird die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fehler auftritt auch als Ausfallwahrscheinlichkeit bezeichnet. Je besser die Ausfallwahrscheinlichkeit bestimmt werden kann, umso größer kann das Risiko gewählt werden. Denn dann ist man in der Lage auf dieses Risiko sehr exakt auszulegen. Ist dagegen die Ausfallwahrscheinlichkeit nur vage prognostizierbar, muss immer mit entsprechend großen Sicherheitsfaktoren gearbeitet werden, um einen Ausfall zu vermeiden.

Für sehr kritische Auswirkungen von Fehlern (z. B. Gefahr für Leib und Leben) muss die Ausfallwahrscheinlichkeit sehr klein gewählt werden. Möglich ist dies etwa durch regelmäßige Inspektionen oder eine robuste Bauteilauslegung. Alternativ können auch Maßnahmen ergriffen werden, um das Risiko zu senken. Dazu zählt beispielsweise das sicherstellen, dass eine Anlage in einen sicheren Zustand fährt oder das kritische Bauteil rechtzeitig ersetzt wird. Konkret schlagen sich diese Ideen in den Konstruktionsprinzipien nieder (Link). 

Daneben sollten immer alle Fehler aus Vorgängerprodukten, ähnlichen Produkten, … bei der Auslegung berücksichtigt und vermieden werden. Dann hat man das Maximum an vorliegendem Wissen genutzt, denn:   

„Wir müssen auch aus den Fehlern anderer lernen,
denn wir leben nicht lange genug, um sie alle selbst zu machen“
(brasilianisches Sprichwort)

Umgang mit Fehlern

Hier spricht man von der Fehlerkultur. Michael Frese hat diese für 61 Länder untersucht und festgestellt, dass Deutschland dabei auf dem vorletzten Platz landet.

Das hat natürlich auch etwas Positives! Denn wir versuchen bestmöglich Fehler zu vermeiden und sind darin auch sehr gut (z. B. durch Methoden wie die DRBFM (Link) oder die FMEA (Link)). Das zeigen ja die vielen Qualitätsprodukte aus Deutschland. Gleichzeitig ist es kritisch. Denn wenn doch einmal ein Fehler auftritt, so wird dieser erst relativ spät gemeldet oder schlimmer: gar nicht gemeldet. Ein Beheben oder ein Lernen aus diesen Fehlern ist dann nicht möglich. Was also tun?

Sollten eigene Fehler gemacht worden sein, dann ist es wichtig, sich selbst keine Vorwürfe zu machen, sondern zu überlegen, wie man aus diesem Fehler lernen kann. Halten Sie sich immer vor Augen, dass Sie zum Zeitpunkt der Entscheidung der festen Überzeugung waren, richtig zu handeln. Es gilt jetzt also, zu überlegen wie der Fehler behoben werden kann. Außerdem sollten Sie Maßnahmen ergreifend, die sicherstellen, dass der Fehler nicht ein zweites Mal auftritt. Dies kann etwa durch das Schreiben von Verfahrensanweisungen oder die Dokumentation in einer FMEA geschehen.

Im Rückblick erscheinen Fehler immer vermeidbar. Nur in der Vorausschau eben nicht! Das bedeutet, dass bei Entscheidungen bewusst Risiken eingegangen werden müssen.  Wägen Sie immer ab zwischen Auswirkung und Wahrscheinlichkeit des Risikos. Das schlimmste ist, keine Entscheidung zu treffen, denn Null Risiko ist nicht möglich. Und keine Entscheidung bedeutet Stillstand!

Ist einem Kollegen oder Mitarbeiter ein Fehler unterlaufen, so sollte auf keinen Fall mit Schuldzuweisungen reagiert werden. Wichtig ist dann ein offener und pragmatischer Umgang mit dem Problem und der Reaktion darauf, denn

„Es irrt der Mensch, solang´ er strebt.“
(Johann Wolfgang von Goethe)

Und wir wollen ja schließlich alle noch nach Größerem streben.

Fehlerliste Buch Betriebsfestigkeit und Statistik der Betriebsfestigkeit

Vor diesem Hintergrund habe ich auf Anregung eines Lesers eine Fehlerliste mit allen Fehlern in meinen Büchern erstellt. Diese kann auf der Seite des jeweiligen Buches

Für das Buch der Betriebsfestigkeit
https://www.einbock-akademie.de/buecher/buch-betriebsfestigkeit/

und für das Buch der Statistik der Betriebsfestigkeit
https://www.einbock-akademie.de/buecher/statisitk-der-betriebsfestigkeit/
jeweils am Ende der Seite heruntergeladen werden.

An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal ausdrücklich für das viele Feedback bedanken und freue mich auch auf weitere Rückmeldungen!

Die positive Seite von Fehlern -> Ausreißer und Ausfälle in Erprobungen

Wenn Versuche unplausible Ergebnisse liefern ( also in gewisser Weise Fehler) dann kann dies ein Hinweis auf potenzielle Probleme sein (Siehe den Artikel zu Ausreissern). Diesem „Fehler“ nachzugehen und ihn zu verstehen ist sehr wichtig. Warum? Durch diesen „Fehler“ wird ein potenzielles Problem aufgedeckt, dessen Behebung direkt das Produkt verbessert und schlimmeres vermeidet. Es ist also sehr wertvoll daraus zu lernen! Wichtig ist nur der richtige Umgang mit diesen Auffälligkeiten.

In der Technik gibt es auch eine Entwicklungsmethode die auf Basis von Fehlern arbeitet: Trial and Error. Daneben stehen z. B. mit dem Highly Accelerated Life Test (HALT) auch Testverfahren zur Verfügung, die gezielt bisher unbekannte Schwachstellen (also Fehler) im Produkt aufdecken sollen. Im nachfolgenden Entwicklungsprozess können diese Schwachstellen dann verbessert und die Robustheit gesteigert werden. Häufig wird dies bei elektronischer Baugruppen angewandt.

Letztlich liegt der gesamten Erprobung von Bauteilen der Wunsch zu Grunde, Fehler (also Ausfälle) aufzudecken und daraus möglichst viel zu lernen! Die Erprobung ist damit ein zentrales Element bei der Fehlerentdeckung aber auch der Fehlervermeidung. Oder nach Robert Bosch:

„Etwas das beim Versuch ganz bleibt, ist nicht erprobt, weil wir seine Grenzen nicht kennen.“

Auf den Punkt: Fehler

In diesem Sinne möchte ich noch mit einem Netten Zitat vom Sience Ficition Autor Issaac Asimov schließen und Sie zu dem ein oder anderen „Fehler“ ermuntern:

"Der aufregendste Satz in der Wissenschaft – derjenige, der neue Entdeckungen ankündigt – ist nicht ›Heureka!‹, sondern: ›Das ist ja komisch…‹."

 

Bildquelle: Photo by Josh Marshall on Unsplash (bearbeitet),
Lizenz: CC0 1.0
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